„Warten, bis der Arzt kommt“ – Von Chris Tomas – SZ-Magazin – über die katastrophale Versorgungslage für psychisch Kranke in Deutschland

„Wer in Deutschland psychisch krank wird, muss besonders stark sein: Bis zur Therapie vergehen oft Monate, Patienten werden sich selbst überlassen. Warum ändert sich nichts? Das Gesundheitssystem lässt Menschen allein, die sich ohnehin oft einsam fühlen.“

Der Autor beschreibt in seinem Artikel auf eindrückliche Weise, welche dramatischen Folgen die zusammengebrochene Versorgungslage für Menschen mit psychischen Erkrankungen ist. Die Wartezeiten für ambulante Psychotherapieplätze, aber auch ambulante psychiatrische Versorgung sowie stationäre Therapie sind so lang, dass sich die Krankheit verschlimmert- und das endet häufig mit Suizid. Menschen mit psychischen Erkrankungen werden hierzulande allein gelassen. Das ist nichts anderes als Körperverletzung durch unterlassene Hilfeleistung. Und die Polititk: tut nichts! Das ist eine Schande für ein zivilisiertes Land und die Folgen sind verheerend. Deswegen lege ich jedem diesen Artikel sehr ans Herz, er ist zwar von 2015, aber geändert hat sich seither nichts, nein, es hat sich sogar noch verschlimmert. Und als selbst Betroffene kann ich alles was hier geschrieben wird zu hundert Prozent bestätigen.

Unter anderem schreibt der Autor:

„Eigentlich zählt die medizinische Versorgung in Deutschland zu den besten der Welt. Es gibt etwa 2000 Krankenhäuser mit insgesamt mehr als 500 000 Betten und mehr niedergelassene Ärzte als jemals zuvor. Wer medizinische Hilfe braucht, bekommt sie fast immer – wenn es sich um ein körperliches Leiden handelt. Für seelische Erkrankungen gilt das nicht. Auf ein Erstgespräch bei einem Psychotherapeuten warten Patienten durchschnittlich drei Monate, hat die Bundes-psychotherapeutenkammer errechnet. In ländlichen Regionen sind es vier Monate, in Brandenburg sogar fünf. Und bei diesem Termin handelt es sich nur um eine Bestandsaufnahme – nicht um den Therapiebeginn. Bis es dazu kommt, vergehen im Durchschnitt weitere drei Monate. Diese Zahlen wurden im Frühjahr 2014 durch eine Umfrage der Zeit bestätigt. Und der Faktencheck Gesundheit der Bertelsmann-Stiftung, für den Daten von sechs Millionen Krankenversicherten ausgewertet wurden, zeigt sogar, dass rund die Hälfte aller Patienten mit einer depressiven Erkrankung überhaupt nicht ausreichend behandelt wird.“

„In einer anonymen Online-Umfrage der Deutschen Depressionsliga gibt fast ein Drittel der Teilnehmer an, dass sich ihr Gesundheitszustand durch die fehlende Behandlung verschlechtert habe. Ebenfalls ein Drittel erfährt keine professionelle Unterstützung bei der Suche, vor allem ältere Menschen sind überfordert. Immer wieder kommt es vor, dass Patienten so froh sind, überhaupt einen Platz gefunden zu haben, dass sie sich mit für sie weniger geeigneten Behandlungsmethoden zufriedengeben. Dann machen sie eine Verhaltenstherapie, obwohl eine Psychoanalyse angezeigt wäre. Oder sie akzeptieren einen Therapeuten, mit dem die Chemie nicht recht stimmt. Auch wenn Studien zeigen, dass vor allem davon abhängt, ob eine Behandlung Erfolg hat. Noch immer wird der Ernst psychischer Erkrankungen unterschätzt.“

„Niemand geht für Depressive, Schizophrene oder Angstpatienten auf die Straße. Viele Kranke werden nicht einmal von Angehörigen oder Freunden unterstützt. Aber in Deutschland sterben jedes Jahr etwa 10 000 Menschen durch Suizid – das sind fast dreimal so viele Menschen, wie 2014 bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen sind. Und bei rund neunzig Prozent davon, so eine kanadische Studie, die weltweit Vergleichsdaten herangezogen hat, ist eine psychische Krankheit der Grund.“

und zitiert eine verzweifelte Betroffene:

„Es gibt einfach keine Hilfe. Das ist so ungerecht! Wenn einer sich ein Bein gebrochen hat, wird er doch auch behandelt. Warum der und nicht ich? Ich habe auch ein Recht darauf. Dieses Warten, nicht Tage, nicht Wochen, sondern Monate – das ist Körperverletzung. Ein Spiel mit dem Leben des Patienten. Ich habe so eine Wut auf dieses System.“

Link zum Artikel:

„Warten, bis der Arzt kommt“ – Von Chris Tomas – SZ-Magazin

Bitte lesen und teilen!

Eure hildegardadelheid

 

Titelbild: pixel2013 / Pixabay

 

1 Kommentar

  1. Durchschnittlich 7 Monate Wartezeit bis zum Erstgespräch – ohne Therapieplatzzusage.
    Wartelisten für Plätze 1 Jahr im Schnitt.

    70% Ablehnungen der Bitte um einen Wartelistenplatz, wenn das Gespräch überhaupt so weit geht.

    Anzahl der telefonischen Anfragen für ein Erstgespräch 20-25.

    Zeitfenster um Terminanfragen per Telefon zu stellen 1 Mal pro Woche 30 -60 min pro Praxis.

    Selbst wenn man ein Erstgespräch in einer Therapeutenpraxis erhält und Plätze verfügbar sind (vermutlich), kann man abgelehnt werden….wegen: Alter, Diagnose (zu komplex, schwierig) und Prognose, Nasenfaktor, fehlende Passung (Gruppentherapie), vermutl. Dauer der Therapie, weil man nicht genug Emotion zeigt etc.

    Wartezeit für psychosomatische Klinik: 8 Monate plus 6 Wochen für Erstgespräch/Vorstellung.

    In der Klinik: Wartelisten für Anwendungen und Termine (erster Termin nach 7 Wochen), Therapieausfälle, ständig wechselnde Ansprechpartner/ Betreuer…etc., etc.
    Lösungsorientierte Therapieansätze? Fehlanzeige. Man hofft darauf, dass sich die Patienten untereinander therapieren und sich durch die Distanz zum häuslichen Umfeld erholen. Kaum eine Leistung wurde tatsächlich erbracht.

    Das Wechseln von Therapeuten wird erschwert, indem Kostenübernahme verweigert wird, wenn man die Therapieform nicht wechseln will.

    Das unterlassene Hilfeleistung…und kann noch weitere Straftatbestände erfüllen.

    Meine Meinung: Es fehlt generell an einer Qualitätskontrolle, es gibt zu wenig Plätze und qualifizierte Therapeuten für gesetzlich Versicherte… und das System ist auch verstopft durch Hilfesuchende in Lebenskrisen, denen auch ein guter Freund als empathischer Zuhörer, Seelsorger, Heilpraktiker oder Coach helfen könnte. Da sie den nicht bezahlen wollen, gehen sie in Therapie und beanspruchen Höchstversorgung, die andere nötiger bräuchten.
    Mein Verdacht: Therapeuten scheinen einfachere Klienten, bei denen schnelle Erfolge zu erzielen sind und wenig Risiko/Verantwortung besteht, zu bevorzugen. Sind halt auch nur Menschen.

    Zu Psychopharmaka möchte ich mich gar nicht äussern….ein Thema für sich.

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