Victim Blaming: die Opfer von Vergewaltiungen sind nie selbst Schuld

Wir Leben im Jahr 2018 immer noch in einer Gesellschaftsstruktur, die grundsätzlich dazu neigt, die Schuld bei einer Vergewaltigung dem Opfer zuzuschreiben. Die Argumente, die dazu herangezogen werden, sind vielfältig: sie trug aufreizende Kleidung, Reizunterwäsche, hat zuvor mit dem Täter geflirtet, ihn geküsst und damit  ein Einverständnis „suggeriert“; sie hat viel getrunken, war nachts allein unterwegs oder hätte sich sonstwie „selbst“ in Gefahr begeben. All diese Argumente dienen einem einzige Zweck: die Verantwortlichkeit des Täters in einer patriarchalischen Gesellschaftsstruktur herabzustufen. Sonst nichts. Dieser Vorgang nennt sich „Victim Blaming“.

Am 10.11.2016 ist das neue Sexualstrafrecht in Kraft getreten, das der Deutsche Bundestag im Juli 2016 in einer historischen Abstimmung einstimmig beschlossen hatte. Das heißt, seit nun zwei Jahren gilt in Deutschland das „Nein heißt Nein“. Konkret bedeutet ganz einfach: wenn eine Frau „Nein“ sagt oder sonstwie zu verstehen gibt, dass sie NICHT einverstanden ist, gilt die vom Täter begangene sexuelle Handlung als sexuelle Nötigung. Eigentlich nicht so schwer. In der juristischen Praxis hat sich seither allerdings eher wenig verändert. Victim Blaming ist in der Strafverfolgung wie in der Öffentlichkeit nach wie vor gängige Praxis.

Im Oktober wurde in Freiburg mutmaßlich eine 18-Jährige von acht Männern vergewaltigt, nachdem sie einen Nachtclub besucht hatte und ohne ihr Wissen unter Drogen gesetzt wurde. Der Freiburger Polizeipräsident äußerte sich im Spiegel-Interview dazu, dass in einer „offenen Gesellschaft“ nicht „jedes Delikt zu verhindern sei, und man „den Bürgern keine Vollkaskoversicherung“ geben könne. Dazu gab er den Ratschlag: „Macht euch nicht wehrlos mit Alkohol oder Drogen.“

Diese Äußerung kommt einer Kapitulation des Rechtsstaates gleich, der den Auftrag hat, seine Bürger*innen zu schützen und Straftaten effizient zu verfolgen. Außerdem sendet sie eine fatale Botschaft aus: das so betitelte „sich wehrlos machen“ impliziert eine Mitschuld des Opfers. Wäre sie zu Hause geblieben, wäre ihr nichts passiert? Des weiteren verkennt der Freiburger Polizeipräsident damit die tatsächliche Lage völlig, denn: die allermeisten Vergewaltigungen finden explizit NICHT durch Fremde statt, sondern im Großteil der Fälle sind die Täter der (Ex-) Partner, der Ehemann oder dem Opfer sonstwie bekannt. Der gefährlichste Ort für eine Frau in Deutschland ist de facto ihr eigenes Zuhause. Dies belegt zum Beispiel die aktuelle Polizeistatistik „Partnerschaftsgewalt – Kriminalstatistische Auswertung – Berichtsjahr 2017“ oder eine Hintergrundmeldung des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, die verschiedene Studien aufführt.

Silvia Follmann kommentiert dies in einem Kommentar auf ze.tt und EditionF wie folgt:

„Wohin sollen Ratschläge wie die des Polizeipräsidenten verdammt noch mal führen? Wenn man es herunterbricht, dann ist der Ratschlag nichts anderes als die Kapitulation vor der Rape-Culture. Doch wenn sich gesellschaftlich etwas ändern soll, dann müssen wir neue Adressat*innen finden – dann muss sich Prävention und die Frage nach der Verantwortung endlich ausdrücklich an potenzielle Täter*innen richten. Denn eine Welt, in der Frauen ohne Angst vor Gewalt ausgehen können, ohne sich Gedanken zu machen, ist eine Utopie, an die sich unsere Gesellschaft offensichtlich noch nicht einmal theoretisch heranwagen will.“

Ein erneuter Aufschrei gegen die Kultur des Victim Blaming kommt derzeit aus Irland. Dort wurde im November ein 27-jähriger vom Vorwurf der Vergewaltigung einer 17-Jährigen freigesprochen, nachdem die Verteidigung die Tatsache, dass das Mädchen zum Tatzeitpunkt einen Stringtanga mit einer Vorderseite aus Spitze trug, als einen Beweis für Einvernehmlichkeit geltend machte. Die Verteidigung zwang die Geschädigte, während ihrer Aussage vor Gericht ihre Unterwäsche vorzuzeigen. Die junge Frau nahm sich daraufhin das Leben. Seit dem posten Frauen in den Sozialen Medien aus Protest Fotos ihrer Unterwäsche unter #thisisnotconsent.

Demonstrantinnen liefen trotz Kälte in Reizwäsche durch Dublin’s Fußgängerzone und protestierten gegen das Urteil.

Letztes Jahr räumte eine Kunstausstellung unter dem Namen „What were you wearing? von Rebecca Gannon in der Galerie der Universität Kansas, USA, mit dem Mythos auf, Vergewaltigungen hätten irgendetwas mit der Kleidung der Opfer zu tun. Die Ausstellung zeigt die Kleidung von Vergewaltigungsopfern, die sie bei der Tat trugen. Es handelt sich dabei zwar nicht um die Originalkleidung, ist jedoch den Beschreibungen von Opfern nachempfunden. Unter den 18 Outfits befinden sich T-Shirts, Jeanshosen, Cargo Shorts, Jogginghosen und Sneaker, ein Badeanzug, ein Kinderkleid. Ganz normale Kleidung.

Was muss noch alles passieren, um der Kultur des „Victim Blaming“ ein Ende zu setzen?

Hier noch einmal:

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Bild: Pinkstinks Germany

Eure hildegardadelheid

Victim blaming:

Victim blaming oder blaming the victim (dt. Opferbeschuldigung, auch „Täter-Opfer-Umkehr“) ist die Beschreibung für ein Vorgehen, das die Schuld für eine Straftat beim Opfer sucht.

Verbreitet wurde dieser Begriff hauptsächlich in den Vereinigten Staaten ab den 1970er Jahren, um eine Strategie der Verteidigung bei Vergewaltigungs-Prozessen zu beschreiben, die dem Vergewaltigungsopfer die Schuld an der Tat zuschreiben möchte, um den Angeklagten zu entlasten. Neben Sexualstraftaten findet sich diese Art der Verteidigung auch bei Gewalttaten und Straftaten mit rassistischem Hintergrund. So beschreibt der Psychologe William Ryan „blaming the victim“ in seinem gleichnamigen Buch aus dem Jahre 1971 als eine Ideologie, die den Rassismus gegen Afroamerikaner rechtfertigen soll.

Wenn im Rahmen von z. B. Nötigung, Erpressung oder der Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen, Nacktbilder in Umlauf kommen, wird der Fokus oft auf die Erstellung und Existenz solchen Bildmaterials gelegt, nicht auf die Straftaten, die bei Verbreitung oder Beschaffung vorlagen. Dies kam erstmals beim Hackerangriff auf private Fotos von Prominenten 2014 in den Fokus der Öffentlichkeit.

Victim blaming ist auch im Zusammenhang mit dem Verhalten von Narzissten beschrieben worden, die nahestehenden Personen Schuldgefühle suggerieren, um sie davon abzuhalten, ihre Vormachtstellung in Frage zu stellen.

Links zum Thema:

„Vergewaltigung: Warum Opfer nicht schuld sind“ – Silvia Follmann – ze.tt

„#ThisIsNotConsent: Reizwäsche bedeutet keine Zustimmung“ – Seyda Kurt – ze.tt

„Art Exhibit Powerfully Answers The Question ‘What Were You Wearing?’-The installation proves that clothing has nothing to do with sexual assault.“ – Alanna Vagianos – Huffpost

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