„Sexualisierte Gewalt: Der Mythos der falschen Beschuldigungen“- Julian Dörr – Die Zeit

In einem eindringlichen Artikel geht Journalist Julian Dörr auf eine fatale gesellschaftlich verzerrte Wahrnehmung ein: beinahe jede Frau, die eine Vergewaltigung bezeugt, ist meist automatisch einem konsensuellen Vorwurf ausgesetzt, ob sie den mutmaßlichen Täter falsch beschuldigt.

Dies steht in einem extremen Missverhältnis, zu unzähligen Studien, wie selten Falschbeschuldigungen in der Realität tatsächlich sind. Die Zahlen variieren zwischen 2 und 8%. Tatsächlich, so schlussfolgert der Autor, ist es für einen Mann wahrscheinlicher, selbst Opfer sexueller Gewalt zu werden, als einer Falschbeschuldigung zum Opfer zu fallen. Verkehrte Welt? Eindeutig ja! Dazu kommen Studien, die zu dem Ergebnis kommen, dass nur ein sehr geringer Teil sexueller Gewalt tatsächlich polizeilich erfasst wird, z.B. laut einer Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sind das in Deutschland ca. 85%.

Zum einen ist das Phänomen natürlich struktureller Natur. Das lässt sich auch nicht ändern, ohne das hohe Gut des Rechtsstaates auszuhebeln. Bei sexualisierter Gewalt gibt es selten Zeugen, häufig keine oder unklare Beweise oder eine reine Aussage-gegen-Aussage-Situation. Zwar muss die Zeugin unter Eid die Wahrheit sagen, während der mutmaßliche Täter schweigen oder lügen darf. Somit ist die häufigste und oftmals einzige Verteidigungsstrategie, die Glaubwürdigkeit der Zeugin in Frage zu stellen.

So schildert der Autor trefflich:

„Die generelle und großflächige Angst vor der falschen Beschuldigung wird noch absurder, wenn man sich anschaut, welche Personen überhaupt über Vergewaltigungen lügen. Die Autorin Sandra Newman hat im vergangenen Jahr einen sehr lesenswerten Essay mit dem Titel „The Truth About False Accusations“ geschrieben. Darin kommt sie nach umfangreicher Lektüre unterschiedlicher Studien zu dem Schluss, dass sich fast alle Falschbeschuldiger in drei ziemlich klare Gruppen einteilen lassen: Teenager, die ihren Eltern eine ungewollte Schwangerschaft oder ihr nächtliches Verschwinden erklären wollen. Psychisch kranke Menschen, die am Münchhausen-Syndrom leiden. Und Menschen, die zuvor schon wegen Betrugs kriminell auffällig wurden. Newman zieht aus diesen Beobachtungen folgenden Schluss: „Falschbeschuldigungen sind nicht das Ergebnis von uneindeutiger Kommunikation in der undurchsichtigen Welt von unverbindlichem Sex. Falschbeschuldiger schildern fast nie Situationen, die auch nur irgendwie zweideutig erscheinen oder als harmloses Missverständnis interpretiert werden können.“ Mit anderen Worten: Wenn eine Frau erzählt, dass man am Anfang noch ganz einvernehmlich rumgemacht hat, der Typ sie dann aber plötzlich festhielt und vergewaltigte, und diese Frau kein ängstlicher Teenager oder eine notorische Betrügerin ist oder unter einer Persönlichkeitsstörung leidet, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie die Wahrheit sagt.“

Noch mehr als strukturelle Gegebenheiten, stellt der Autor einen „gesellschaftlichen Reflex“, also ein soziokulturelles Phänomen in den Vordergrund:

„Wenn Frauen Männer der sexualisierten Gewalt beschuldigen, gibt es einen gesellschaftlichen Reflex. Anstatt den Anschuldigungen zunächst Glauben zu schenken, werden sofort Gründe und Motive bemüht, warum diese falsch sein könnten.“

Dieser „Reflex“ ist dann besonders ausgeprägt, wenn eine Frau einem berühmten Mann sexuelle Gewalt vorwirft. Zuletzt in den Schlagzeilen: die Anhörung von Brett Kavanaugh vor dem US-Justizausschuss in der er sich dem Vorwurf sexueller Gewalt stellen musste, danach aber trotzdem als Richter am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten auf Lebenszeit vereidigt wurde, sowie der Fussballstar Cristiano Ronaldo. Er soll 2009 eine Frau vergewaltigt und sie hinterher mit einer Schweigegeldzahlung mundtot gemacht haben. Nun hat sich die Frau, die 34 Jahre alte Kathryn Mayorga, entschlossen, ihr Schweigen zu brechen. Der Spiegel berichtete ausführlich darüber. Ronaldo wirft der Frau vor, zu lügen und ausschließlich Aufmerksamkeit zu suchen.

Was in dieser Debatte völlig unter den Tisch fällt, ist die Tatsache, dass keine Frau von einem falschen Vergewaltigungsvorwurf profitiert.

Julian Dörrs Fazit:

„Das alles heißt nicht, dass Falschbeschuldigungen niemals vorkommen. Oder niemals gravierende Folgen für den fälschlicherweise Beschuldigten haben. Aber diese Fälle sind extrem selten. So selten, dass sie es nicht rechtfertigen, dass beinahe jede Frau, die mit dem Vorwurf der Vergewaltigung an die Öffentlichkeit geht, mit ihnen konfrontiert wird.“

Sehr lesenswert!

„Sexualisierte Gewalt: Der Mythos der falschen Beschuldigung“ – Julian Dörr – Die Zeit

Mehr zum Thema:

„Eine Demonstration männlicher Dominanz: Die Ernennung Brett Kavanaughs zum Richter am Supreme Court zeigt wieder einmal, was in den USA Tradition hat: Für weiße Männer gelten andere Regeln als für alle anderen.“ – eine Kolumne von Martin Klingst – Die Zeit

„Vergewaltigungsvorwurf: Wie Ronaldos Team Kathryn Mayorga zum Schweigen brachte“ – Von Rafael Buschmann, Andreas Meyhoff, Nicola Naber, Gerhard Pfeil, Antje Windmann, Christoph Winterbach, Michael Wulzinger – Spiegel+ für Abonnenten

„Der Fall Kathryn Mayorga: Ronaldos Verteidigungslinie“ – Von Rafael Buschmann, Andreas Meyhoff, Nicola Naber, Gerhard Pfeil, Antje Windmann, Christoph Winterbach und Michael Wulzinger – Der Spiegel

 

Titelbild:

Brett Kavanaugh und Cristiano Ronaldo (By U.S. Court of Appeals for the District of Columbia Circuit  and RealMadrid.pl, via Wikemedia Commons)

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