Psychiater und Autor Manfred Lütz über die langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz: „Das ist eine Schande für ein zivilisiertes Land“- ein Spiegel-Gastkommentar

Die Wartezeit auf einen Psychotherapieplatz liegt in Deutschland derzeit bei ca. fünf Monaten. Das Problem ist lange bekannt, doch eine Lösung ist nicht in Sicht. Nun meldet sich der bekannte Psychiater, Autor und Kabarettist Manfred Lütz in einem Gastkommentar auf Spiegel-Online zu Wort.

„Psychisch Kranke müssen ewig auf einen Therapieplatz warten, weil das System eine Behandlung von Menschen mit geringen Leiden fördert. Besserung ist nicht in Sicht – ein mächtiger Lobbyverband verhindert jede Reform.“

Er zeigt auf, dass sich die Wartezeiten relativ leicht auf drei Wochen reduzieren ließen, wenn die tatsächlich vorhandenen Therapieplätze den schwer psychisch Kranken zukommen würden. Das gegenwärtige System schaffe das Problem, dass viele Therapieplätze von Menschen besetzt sind, die sich zwar in einer Lebenskrise befinden, allerdings keine dringend psychotherapeutisch behandlungsbedürftige psychische Erkrankung haben. Diese Plätze fehlen dann.

„Die langen Wartezeiten sind darauf zurückzuführen, dass es keinerlei wirksame Kontrolle gibt, ob ein Kranker bei einem Psychotherapeuten sitzt oder ein Mensch in einer Lebenskrise. „

Dabei besteht ein fatales Anreizsystem für die niedergelassenen Psychotherapeut*innen: sie sind so oder so vollbeschäftigt und können sich ihre Patient*innen aussuchen. Somit  würden für viele Fälle mit „Fast-Nicht-Diagnosen“ wie Burn-Out, bei denen, wie Manfred Lütz schreibt, eine psychologische Lebensberatung ausreichen würde, Anträge eingereicht und bewilligt und der*die Therapeut*in erhält die exakt gleiche Vergütung wie bei der sehr viel anspruchsvolleren und mühsameren Therapie von Menschen mit schweren und dringend behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankungen wie schwere Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen, Persönlichkeitsstörungen oder schwere Traumata.

„Psychologische Psychotherapeuten machen ausgezeichnete Arbeit, und die weitaus meisten behandeln natürlich wirklich Kranke. Aber das System fördert die Behandlung von Gesunden. Fragen Sie sich doch selbst, was Sie tun würden, wenn Sie die freie Wahl hätten, für dasselbe Honorar einen schwer gestörten Menschen zu behandeln oder den gesunden Nachbarn, der aus irgendwelchen Gründen Gesprächsbedarf hat.“

Dadurch werden massenhaft Menschen im Stich gelassen, die dringend Hilfe benötigen. Manfred Lütz und spricht damit allen Verzweifelten aus dem Herzen.

„Während Sie diesen Text hier lesen, quälen sich überall Patienten ohne Hilfe dahin, Angehörige verzweifeln, und keiner hilft. Der Zusammenbruch der ambulanten psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung ist eine Schande für ein zivilisiertes Land.“

Bei diesem Systemversagen kritisiert er vor allem die hinderliche Lobbyistenarbeit der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtk) scharf.

„Diese Leute sind seit Jahren erfolgreich dafür tätig, dass Psychotherapeuten an „Patienten“ kommen – ohne jedes Interesse daran, wie Patienten an Therapeuten kommen. (…) Aber jede Diskussion, über welche Lösung auch immer, wird, wie jetzt geschehen, schon im Ansatz verhindert; denn gegen jeden Reformversuch kämpft die BPtK mit allen Mitteln.“

Link zum ganzen Artikel:

„Wartezeiten auf einen Therapieplatz: Wie ein Lobbyverband psychisch Kranken schadet“ – Ein Gastkommentar von Manfred Lütz – SpiegelOnline

 

Titelbild: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0

 

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