Abtreibungsverbote in Lateinamerika: In El Salvador müssen missbrauchte Kinder Schwangerschaften austragen

Im traditionell katholischen Lateinamerika gelten die strengsten Abtreibungsverbote der Welt.  In Nicaragua, El Salvador, Honduras und der Dominikanischen Republik ist die Abtreibung komplett verboten. Das bedeutet, dass selbst missbrauchte Kinder und Vergewaltigungsopfer ins Gefängnis müssen, wenn sie abtreiben. Doch es formiert sich immer mehr Widerstand von Frauenrechtlerinnen der jungen Generation.

Erst vor wenigen Tagen hat der argentinische Senat eine Liberalisierung des Abtreibungsverbots, für das der Kongress gestimmt hatte, blockiert. Doch der Widerstand seitens der Frauenrechtlerinnen bleibt. Vor allem die Bewegung „Ni una menos“ („Nicht Eine Weniger“) kämpft gegen die archaischen patriarchalen Gesellschaftstrukturen, in denen Gewalt gegen Frauen und sexueller Missbrauch an der Tagesordnung stehen. Auch die Liberalisierung von Abtreibung steht auf ihrem Aktionsplan. Zu ihrem Symbol wurde ein grünes Tuch.

Der Tagesspiegel meldet:

„Lateinamerikas Frauen treiben ab – egal ob es dem Staat passt oder nicht. Das Guttmacher Institute, das zu Sexualität forscht, schätzt, dass 97 Prozent aller Lateinamerikanerinnen in einem Land mit strengen Abtreibungsgesetzen leben. Dennoch seien zwischen 2010 und 2014 ein Drittel aller Schwangerschaften per Abtreibung beendet worden: rund 6,5 Millionen. In Brasilien, das mit Abstand bevölkerungsreichstes Land der Region, treiben jährlich 500.000 Frauen illegal ab, laut Vertretern des Gesundheitsministeriums.  Die Mehrheit sei schwarz, arm und habe bereits Kinder. Jeden zweiten Tag sterbe eine von ihnen, weil sie sich giftige Substanzen einführe oder mit gefährlichen Gegenständen hantiere. Rund 250.000 Frauen würden deswegen jedes Jahr ins Krankenhaus eingeliefert.“

Archaische Gesellschaftsstrukturen und Gewalt gegen Frauen

Viele Abtreibungsgesetze in Lateinamerika sind sehr alt und deren Liberalisierung wird u.a. durch die stark katholische Prägung der Länder blockiert. Nun ist ein Argentinier Papst. Und dieser verglich vor der Abstimmung im argentinischen Senat Abtreibung mit der Rassenhyhiene der Nazis. Die Folge der Abtreibungsverbote sind eine horrend hohe Zahl an illegalen Abtreibungen und Frauen die nach solchen unsicheren Eingriffen ins Krankenhaus eingeliefert werden. Besonders die Armut der Bevölkerung spielt in Lateinamerika eine große Rolle. Es herrschen schlechter Zugang zu Verhütungsmitteln und riskante illegale Abtreibungsverfahren. Reiche Frauen können dagegen in geheimen Kliniken sicher abtreiben lassen. Wie überall auf der Welt ist der Effekt der Abtreibungsverbote der folgende: es gibt nicht weniger Abtreibungen, sie sind nur weniger sicher und fordern häufig Todesopfer. Nur zwei Tage nachdem der Senat die Liberalisierung blockiert hatte, starb eine Frau in Argentinien an einer illegalen Abtreibung. Zurecht hat die „grüne Welle“ den Slogan: „Reiche zahlen, Arme sterben“.

SOS kritisiert absolutes Abtreibungsverbot in El Salvador

In El Salvador schlägt nun die Organisation der SOS-Kinderdörfer Alarm: Kinder und Sexualopfer müssen in El Salvador mit langen Haftstrafen rechnen, wenn sie die Schwangerschaft abbrechen. Abtreibung wird in dem mittelamerikanischen Land als Mord eingestuft. Nach Angaben der SOS-Kinderdörfer weltweit sind mehr als die Hälfte der Vergewaltigungsopfer jünger als 15 Jahre alt. Louay Yassin, Pressesprecher der Hilfsorganisation sagt:

„Die Abtreibungsgesetzgebung in El Salvador diskriminiert und kriminalisiert unschuldige Mädchen und stellt eine massive Verletzung der Kinderrechte dar. Mädchen und Frauen sind in El Salvador Menschen zweiter Klasse. Viele Schwangere wagen sich auch bei schwersten Komplikationen nicht in ein Krankenhaus aus Angst vor Festnahmen. Und viele sterben bei Abtreibungen, weil sie diese in ihrer Not selbst durchführten. Und es trifft vor allem die Armen.“

Komplexe und unterschiedliche Gesetzeslage in den einzelnen Ländern

Das Gunda Werner Institut für Feminismus und Geschlechterdemokratie gibt einen hilfreichen überblick über die Gesetzeslage in den einzelnen Ländern Lateinamerikas und der Karibik und nimmt zusammenfassend Stellung:

„Die Gesetzeslage in den Ländern der Region ist denkbar unterschiedlich, die Restriktionen aber fast überall enorm. Das Thema ist umkämpft und zeigt die enorme Kraft der konservativen Eliten, denen sich Frauenorganisationen versuchen entgegenzustellen. Das Thema ist komplex und umstritten. Wann immer es in der Region aufkommt kochen die Gemüter hoch. So divers die Reaktionen der Menschen sind, so divers ist auch die Gesetzeslage, so unterschiedlich die Formulierung und Ausnahmen, so verschieden die tatsächliche Anwendung. Aufgrund der allerdings grundsätzlich restriktiven Gesetzeslage findet ein Großteil der Abtreibungen in der Region heimlich und unter unsicheren, das heißt die Gesundheit der Frauen gefährdenden, Bedingungen statt.“

Links zum Thema:

Argentinien, Mexiko, Brasilien und Chile: Lateinamerikas Frauen kämpfen gegen Abtreibungsverbot – Philipp Lichterbeck – Der Tagesspiegel

SOS kritisiert Abtreibungsgesetz in El Salvador: Kinder und Vergewaltigungsopfer müssen nach Abtreibung ins Gefängnis – SOS Kinderdörfer Weltweit

Abtreibungsgesetze in Lateinamerika und der Karibik – Rabea Weis – Gunda Werner Institut für Feminismus und Geschlechterdemokratie der Heinrich-Böll – Stiftung

„NiUnaMenos“ auf Twitter

 

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