„Politisches Framing: Was Begriffe wie „Asyltourismus“ in unserem Gehirn auslösen“ – der Tagesspiegel

Framing bzw. Einrahmen (umgangsspr. Schubladendenken) beschreibt in der Medienwirkungsforschung den Prozess einer Einbettung von (politischen) Ereignissen und Themen in Deutungsraster. Komplexe Informationen werden dadurch selektiert und strukturiert aufbereitet, sodass eine bestimmte Problemdefinition, Ursachenzuschreibung, moralische Bewertung und/oder Handlungsempfehlung in der jeweiligen Thematik betont wird.

Sprache bestimmt unser Denken und Handeln – viel mehr, als uns das bewusst ist. Mit dem Spracherwerb formen sich im Gehirn kognitive Deutungsrahmen, so genannte Frames – umso mehr und umso nachhaltiger, je häufiger sie durch Sprache aktiviert werden. Welche Konsequenzen hat dies für den politischen Diskurs, für das Denken und Handeln in der Politik? Elisabeth Wehling zeigt in ihrem Buch „Politisches Framing-Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht“ anhand zahlreicher Erkenntnisse der modernen Neuro- und Kognitionsforschung, wie über Sprache und die jeweils adressierten Frames Assoziationen geweckt, Meinungen gelenkt und Handlungen bestimmt werden können: So müssen beispielsweise im geläufigen Jargon Steuern aufgebracht, nicht etwa beigetragen werden, und ihre Lasten drücken uns, statt dass wir sie als Grundlage staatlichen Gemeinwohlhandelns begreifen. Ein bewussterer und klügerer Umgang mit der Sprache, so Elisabeth Wehling, sei eine der Grundvoraussetzungen für konstruktive Auseinandersetzungen in den zahlreichen politischen Debatten unserer Zeit.

Die Linguistin Elisabeth Wehling, von der Universität Berkeley erklärt in einem Interview mit dem Tagesspiegel, wie politisches Framing funktioniert – und wie sich Politiker diesen Effekt zu Nutze machen.

Unter anderem erklärt sie:

In unserem Kopf ist unser gesamtes Wissen über die Welt abgespeichert. Wenn ich zum Beispiel sage „Hammer“, wird nicht nur das Bild eines Hammers aufgerufen, sondern das Gehirn simuliert auch die zugehörige Armbewegung. Immer, wenn mein Denkapparat ein Wort verarbeiten muss, ruft er diese Muster auf, sonst kann er Wörtern keine Bedeutung zuschreiben. In der Politik ist zum Beispiel oft die Rede von einer „Flüchtlingswelle“. Dann ruft das Gehirn das Konzept von „Flüchtling“ und „Welle“ auf. Eine Welle ist groß und bedrohlich. Jeder von uns ist wohl schon einmal von einer Welle umgehauen worden. Die Menschen, die zu uns kommen, werden so automatisch als eine Bedrohung gedacht, die eine Abschottung nahelegt.

Wenn beispielsweise „Asyltourismus“ eine gewisse Abfälligkeit gegenüber Asylsuchenden impliziert, ist das auch so gemeint, da sollte man Politiker beim Wort nehmen. Der Begriff setzt sich aber vor allem deshalb durch, weil er mit dem „Tourismus“ ein Konzept aufgreift, zu dem Menschen viel Alltagswissen abgespeichert haben – also konkrete Bilder, Gefühle, auch Geräusche oder Gerüche. Ein politisches Thema mit so einem greifbaren Alltagsbegriff zu verbinden, nennt sich metaphorisches Framing. In dem Fall spiegelt es aber die Realität nicht unbedingt wider – denn „Tourismus“, „in den Urlaub fahren“, erinnert nicht nur an Sommer, Sonne, Strand, sondern impliziert auch, dass es ein Zuhause gibt, in das man später zurückkehrt.

„Politisches Framing: Was Begriffe wie „Asyltourismus“ in unserem Gehirn auslösen“ – Die Linguistin Elisabeth Wehling erklärt im Interview, wie politisches Framing funktioniert – und wie sich Politiker diesen Effekt zu Nutze machen. – von Maria Fiedler im Tagesspiegel

Weitere Links zum Thema:

Die Macht der Worte: „Asyltourismus“ oder „Grenzregime“: Worte geben den Rahmen vor, in dem wir Wirklichkeit deuten. „Framing“ wird das genannt. Wie das genau funktioniert, erklärt heute+-Reporterin Anna-Maria Schuck.

ZDFtivi – logo! – Was ist politisches Framing?

Buch:

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Politisches Framing – Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht

Leidet man unter der Steuerlast? Oder trägt man sie zum Gemeinwohl bei? Sprache prägt, ob bewusst oder unbewusst, unser Denken und Handeln – im Alltag wie in der Politik. Elisabeth Wehling erläutert, warum das so ist und welche Folgen es unter anderem für den politischen Diskurs hat.

Bundeszentrale für Politische Bildung – 4,50€

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