„Three Girls – Warum glaubt uns niemand?“ – Preisgekrönte BBC-Serie über den Missbrauchsskandal in Rochdale – ARTE

Die dreiteilige Miniserie schildert die wahren Fälle von Vergewaltigung und sexueller Ausbeutung Minderjähriger zwischen 2003 und 2012 in Rochdale, England durch eine britisch-pakistanische Bande. Sie basiert auf langjährigen intensiven Recherchen und Gesprächen mit den realen Opfern und ihren Angehörigen. Die Miniserie erhielt unter anderem 2018 den britischen Medienpreis „Bafta“ für die beste Miniserie.

Realer Hintergrund der Geschichte

Protagonistin der Serie ist „Holly“. „Holly“ ist der geänderte Name eines der Opfer der „Rochdale Sex Trafficking Gang.“ Sie geriet 2007 als 14-Jährige in die Fänge einer Gruppe von mindestens 12 Männern. Ein Schnellimbiss in Rochdale (nahe Manchester, England) diente als Köder. Dort bot zunächst der Leiter der Gang, Sabir Ahmed, dem Mädchen und dessen Freundin über mehrere Wochen Alkohol und kostenloses Essen an. Er war Mitte 50 und nannte sich „Daddy“. „Holly“ hatte Probleme im Elternhaus und in der Schule, wenig Geld, eine Affinität zu Alkohol und fiel auf die Freundlichkeit herein. Sie wurde ab 2008, wie mindestens 46 andere Mädchen über mehrere Jahre zwischen Familien von Sabir Ahmed und seinen Freunden herumgereicht und systematisch, häufig mehrmals täglich von mehreren Männern missbraucht. Ein Verfahrensmuster der Täter dabei war das „Grooming“. Der Begriff bezeichnet die arglistige Täuschung erwachsener Männer, die sich mit Flirts und Geschenken das Vertrauen Minderjähriger erschleichen, um sie dann zu missbrauchen, gefügig zu machen und mit Gewalt zum Schweigen zu bringen. Häufig werden dabei auch junge Bandenmitglieder vorgeschickt, die den Opfern Liebe und eine Beziehung vortäuschen, um sie dann „weiterzureichen“. Als Schlüsselfigur diente den Männern ein Mädchen, im Film „Amber“, das selbst ihr Opfer war und bereits mit 15 Jahren anfing, sozial labile Minderjährige unter Androhung von Gewalt an die Gruppe zu vermitteln. Im Film kassiert sie typischerweise Beträge von 20 bis 50 englischen Pfund von den Vergewaltigern der Mädchen und gibt das Geld an „Daddy“ weiter. Sie droht den Mädchen Gewalt an, wenn sie sich widersetzten. Sabir Ahmed und andere Mitglieder der Gang drohten ihr, sie umzubringen, wenn sie sie verriete.

Versagen von Polizei, Justiz und Sozialen Diensten

Sowohl die Schule als auch der Vater wandten sich an die sozialen Dienste von Rochdale. Sie halfen dem Kind aber nicht, sondern argumentierten, „Holly“ habe sich freiwillig für ein Leben als Prostituierte entschieden. Bei einer polizeilichen Vernehmung („Holly“ hatte die Theke des Restaurants beschädigt) erzählte die 15-Jährige von dem Missbrauch, den sie durchlitt. Die Polizei ging den Anschuldigungen jedoch nicht weiter nach. Dabei spielten zwei Motive eine Rolle: Zum einen seien Mädchen aus der weißen Unterschicht mit einer Alkoholproblematik vor Gericht nicht glaubwürdig. Zum anderen wollte niemand den Anschein erwecken, islamfeindlich oder rassistisch zu sein. Erst nach einem weiteren Hilferuf, zusammen mit vier anderen Mädchen, nahm die Polizei den Kern der Gruppe fest.

Gerichtsverhandlung

Der Fall kam 2012 vor Gericht und war politisch aufgeladen, denn bis auf einen Angeklagten, der aus Afghanistan stammte, waren alle Männer Briten pakistanischer Herkunft. Der Prozess wurde von der britischen Öffentlichkeit kritisch betrachtet. Einige Beobachter wie er der Journalist Slavoj Žižek attestierten den Pakistani rassistische Motive, explizit weiße Mädchen missbraucht zu haben. Dabei habe der Alkohol eine wichtige Rolle gespielt – als im Islam verbotene Droge, die die Mädchen gefügig machte. Entsprechend kam es vereinzelt zu islamfeindlichen Ausschreitungen. Das Gericht sprach am 8. Mai 2012 für die Gangmitglieder Freiheitsstrafen zwischen 4 und 19 Jahren aus.

Im Dezember 2013 erschien ein von der Polizei in Auftrag gegebener Untersuchungsbericht zu den kollektiven Vergewaltigungen in und um Rochdale, der von einem Versagen aller sozialen und behördlichen Anlaufstellen für die Mädchen spricht. „Holly“ und andere Opfer hatten Kontakt mit Ärzten, Krankenhäusern, Sozialarbeitern, Lehrern, der Polizei, aufgenommen, jedoch ging niemand auf ihr Leid ein. Der Report berichtet u. a. davon, dass die Ermittler in den Polizeidienststellen keinerlei Sensibilität für das Problem gehabt hätten. Unter dem Titel „Girl A: The truth about the Rochdale sex ring by the victim who stopped them“ erschien im Oktober 2013 eine Autobiografie des jahrelang sexuell missbrauchten Mädchens.

Zahlreiche weitere Fälle in Großbritannien

Der Fall von Rochdale ist nicht der einzige Fall systematischen sexuellen Missbrauchs minderjähriger Mädchen aus problematischen Verhältnissen durch britisch-asiatische „Grooming-Gangs“. Ähnliche Missbrauchsfälle ereigneten sich auch in Rotherham, Newcastle, Ayelsbury, Banbury, Derby, Halifax, Keighley, Oxford, Peterborough, Telford. und viele andere. Der bandenmäßige Missbrauch fand mancherorts schon über Jahrzehnte statt. Zwischen 1997 und 2013 wurden in Nordengland 1400 Kinder von britisch-pakistanischen Gangs verprügelt, vergewaltigt, versklavt und zum Gruppensex gezwungen.

Die Serie beschreibt eine Thematik, die für den Zuschauer schwer zu ertragen ist, kommt aber dabei ohne viele explizite Gewaltszenen aus. In der Realität der zahlreichen Fälle ging die Gewalt und die Bedrohung und Einschüchterung der Opfer und ihrer Familien viel weiter. Aber sie schafft es, für die Problematik zu sensibilisieren. Man kommt nicht umhin, sich zu fragen, wie das in aller Welt möglich sein kann. „Three Girls“ bietet dafür universell geltende Erklärungen: Opfer von sexuellem Missbrauch gelten vor Gericht häufig als unglaubwürdig, weswegen sich Täter gerade solche Opfer aussuchen. Im Falle der Serie sind das sehr junge minderjährige Mädchen aus problematischen Familienverhältnissen oder bereits aus staatlicher Fürsorge, geringem Bildungsgrad und, wie im Fall von „Ruby“, die Schwester von „Amber“ mit geminderter Intelligenz. Zudem zeigt die Serie, dass der „Rassismusvorwurf“ hier und auch anderswo als grundlegende Einschüchterungswaffe funktioniert. Und dies vor allem, da rechtspopulistische Parteien Gewaltverbrechen von Menschen mit Migrationshintergrund gegenüber Einheimischen, vor allem Frauen und Kindern, nur zu gerne für sich instrumentalisieren. Und damit hat die Serie gerade jetzt auch in Deutschland eine brisante Aktualität.

BBC-One-Trailer von „Three Girls“ auf Englisch

Die Miniserie in der arte-Mediathek

„Three Girls – Warum glaubt uns niemand“

Drama  GB 2017, 50 min – mit Molly Windsor, Ria Zmitrowicz, Liv Hill, Maxine Peake, Paul Kaye, Jill Halfpenny, Lisa Riley

noch verfühbar bis 21/06/2018

Beschreibung:

Teil1

2008: In einem ärmlichen Vorstadtviertel von Rochdale versucht die zugezogene 15-jährige Holly, Freunde zu finden. Von ihren Eltern fühlt sie sich alleingelassen. Sie lernt die Schwestern Amber (15) und Ruby (13) kennen. Zum Zeitvertreib verbringen die Mädchen ihre Nachmittage in Kebab-Läden. Dort lernt Holly Ambers älteren pakistanischen Freund Tariq kennen sowie auch Daddy. Der Pakistaner spendiert den Mädchen immer wieder großzügig Alkohol und Fastfood. Bald treffen sich die Freundinnen jeden Tag in den Hinterzimmern der Imbisse. Sie lachen, tanzen, albern herum, betrinken sich. Als Holly wiederholt betrunken nach Hause kommt und ihren Eltern gegenüber aggressiv ist, wirft ihr Vater sie hinaus. Zunächst erscheint Holly das Leben bei ihren Freundinnen ohne die Bevormundung der Eltern perfekt – bis Daddy sie unter vier Augen sprechen will. Allein im Hinterzimmer fordert der Pakistaner von der 15-Jährigen Sex als Gegenleistung für all die Geschenke, die er ihr gemacht hat. Holly versucht sich zu wehren, doch Daddy bedroht und vergewaltigt das völlig verängstigte Mädchen. Holly wird klar, dass auch ihre Freundinnen Amber und Ruby Sex mit den Pakistanern als Gegenleistung für deren Zuwendungen haben. Nachdem Daddy Holly erneut vergewaltigt hat, rastet sie aus und randaliert in dem Imbiss. Erst als die Polizei sie als vermeintliche Ladendiebin verhört, schafft es Holly, über die Vergewaltigungen zu sprechen. Daddy wird festgenommen, aber kurz darauf aus Mangel an Beweisen wieder freigelassen. Tariq gibt vor, Holly vor dem rachsüchtigen Daddy zu schützen. Doch er entpuppt sich als Zuhälter, der die Mädchen zum Sex mit anderen Pakistanern zwingt. Holly ist völlig wehrlos. Nur die Sexualberaterin Sara, die Holly aus einer Gesundheitseinrichtung kennt, sieht die Gefahr für die Mädchen. Als diese von ihren pakistanischen „Freunden“ erzählen, sieht sie Zusammenhänge zu älteren Fällen von Kindesmissbrauch. Vergeblich versucht Sara, die zuständigen Behörden zu alarmieren. Aber werden die Polizei und ihre Eltern Holly endlich glauben und dem schutzlosen Mädchen helfen?

Teil 2

Die 15-jährige Holly und ihre Freundinnen Amber und Ruby wurden 2008 in Rochdale monatelang von pakistanischen Männern manipuliert, festgehalten und sexuell ausgebeutet. Die Polizei war über die wiederholten Fälle von Kindesmissbrauch informiert, hatte diese aber nicht konsequent verfolgt, so dass die Täter nach wie vor straffrei sind. Stark traumatisiert versuchen die Mädchen, mit den Folgen des Missbrauchs umzugehen – unter anderem damit, dass sie alle drei von ihren Peinigern schwanger geworden sind. Holly lebt wieder bei ihren Eltern, die sie unterstützen, wo es nur geht, und kümmert sich liebevoll um ihre kleine Tochter Ella. Ruby treibt ihr Kind ab. Ihre ältere Schwester Amber ist mit ihrem Neugeborenen in ein Mutter-Kind-Heim gezogen, wird aber verdächtigt, die anderen Mädchen zur Prostitution mit angestiftet zu haben. Als die Polizei die Ermittlungen erneut aufnimmt, scheint es zunächst, als würden die Täter endlich überführt. Doch die Anklage wird aus Mangel an Beweisen erneut fallengelassen. Die Staatsanwaltschaft zweifelt an der Glaubwürdigkeit Hollys. Die junge Mutter glaubt, den Kampf verloren zu haben, und flüchtet sich in den Alkohol. Sie zieht mit ihrer Tochter in eine Mutter-Kind-Wohnung, doch die zuständigen Jugendschutzbeauftragten drohen, ihr das Sorgerecht für ihre Tochter zu entziehen. Im Winter 2010 werden die Missbrauchsfälle durch pakistanische Banden von einer Sonderkommission der Polizei neu aufgerollt. Schockiert stellen die Ermittler fest, dass die Zahl der Opfer mit über hundert wesentlich höher liegt als zunächst angenommen. Endlich sollen all die Mädchen Gerechtigkeit erfahren. Kommissarin Maggie, die schon 2005 an Ermittlungen zum Missbrauch von Minderjährigen beteiligt war, soll das Vertrauen von Holly, Amber und Ruby zurückgewinnen. Doch nachdem den Mädchen jahrelang nicht geglaubt wurde, stößt Maggie auf Wut und Misstrauen. Erst als Maggie Sexualberaterin Sara von einer Zusammenarbeit überzeugt, gelingt die Annäherung. Doch auch Saras Vertrauen in die Behörden ist stark erschüttert, musste sie doch jahrelang hilflos zusehen, wie die Mädchen leiden. Als Holly, Amber und Ruby sich dann doch wieder ihrer schmerzvollen Vergangenheit stellen, bleibt das nicht ohne Folgen …

Teil3

2008 waren die 15-jährige Holly und ihre Freundinnen Amber und Ruby in Rochdale monatelang von Pakistanern sexuell ausgebeutet worden. Holly ist mittlerweile 19 und hat ihren Alkoholismus im Griff, weshalb sie hofft, das Sorgerecht für ihre Tochter Ella wiederzubekommen. Ruby geht wieder zur Schule, und Amber lebt mit ihrer Tochter zusammen. Nach jahrelangen Ermittlungen wird nun 2012 neun der Täter unter anderem wegen Vergewaltigung und Kinderhandel der Prozess gemacht. Die Staatsanwaltschaft will nur Holly und Ruby in den Zeugenstand rufen. Kommissarin Maggie ist entsetzt, dass Amber als „unbrauchbare“ Zeugin einfach fallengelassen wird, weil sie in früheren Verhören Holly als Lügnerin bezeichnete. Maggie will nichts mit der Instrumentalisierung der traumatisierten Mädchen zu tun haben und quittiert den Dienst. Da Amber aber auch Opfer der pakistanischen Männer war, führt die Staatsanwaltschaft sie aus strategischen Gründen in der Anklageschrift mit den Tätern auf, ohne sie darüber zu informieren … Der Auftakt des Prozesses wird von großem Medieninteresse und rassistischen Demonstrationen begleitet. Auch das Versagen der Behörden, die jahrelang trotz Kenntnis der Vorgänge nie Anklage erhoben hatten, wird angeprangert. In einem Nebenraum, von den Tätern abgeschirmt, sagen die Zeuginnen Holly und Ruby aus. Zwei Tage lang sind sie den unerbittlichen Angriffen der Verteidiger der neun Angeklagten ausgesetzt, welche mit allen Mitteln versuchen, die Jugendlichen vor den Geschworenen zu diskreditieren. Holly wird unterstellt, sie habe einvernehmlich Sex mit Daddy gehabt. Außerdem sei sie zu ihrer eigenen Bereicherung der Prostitution nachgegangen und durch ihren chaotischen Lebensstil selbst Schuld an dem Geschehenen. Und war Amber nicht noch schlimmer als die Drahtzieher, da sie die anderen Mädchen zum Sex mit den pakistanischen Männern anstiftete? Alles hängt davon ab, ob die Geschworenen den Mädchen glauben. Aber werden Holly, Ruby und Amber durch eine Verurteilung ihrer Peiniger auch endlich ihre schmerzhafte Vergangenheit überwinden und den Schritt in ein neues Leben schaffen?

Sehenswert!

Rezensionen zur Serie

Serie über Missbrauchskandal : „Du bist jetzt meine Nutte“ – Sandra Kegel – FAZ

Serie „Three Girls“ über sexuelle Ausbeutung: Wie kann so etwas passieren? – Oliver Kaever – Spiegel-Online

„BBC-Miniserie „Three Girls“: Die Serie zur „Me Too“-Debatte“ – Anna Steinbauer – SZ

Dokumentation über den Rochdale Missbrauchsskandal (BBC – engl.)

Titelbild: arte

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