„Accidental Courtesy – Daryl Davis, Race and America“ – Ein Dokumentarfilm von Matthew Ornstein

Der Pianist und Bluesmusiker Daryl Davis

Der afro-amerikanische Bluesmusiker Daryl Davis stand schon mit Berühmtheiten wie Jerry Lee Lewis, Elvis Presley und Chuck Berry auf der Bühne. Für Aufsehen sorgte er mit seinem ungewöhnlichen Vorgehen gegen Rassismus: Er freundete sich mit führenden Mitgliedern des Ku-Klux-Klans an, um zu verstehen, wie Leute jemanden hassen können, den sie gar nicht kennen.

Daryl Davis ist ein anerkannter Pianist und Bluesmusiker. Doch neben seinen musikalischen Ambitionen verfolgt er ein ganz anderes Ziel: Er will die Mitglieder des Ku-Klux-Klans zum Antirassismus bekehren. Der berüchtigte Geheimbund wurde 1866 von Bürgerkriegsveteranen gegründet und fand rasch zahlreiche Anhänger, die eine Integration der ehemaligen Sklaven in die amerikanische Gesellschaft verhindern wollten. Die paramilitärischen Kräfte des KKK verübten Gewalttaten gegen Schwarze und ihre weißen Beschützer. Sie strebten nach „White Power“ und wollten die Vorherrschaft der WASPs (White Anglo-Saxon Protestants) im Land sichern. Die Regierung ging gegen den Terror der Organisation vor und löste sie 1871 offiziell auf. Doch in den 1920er Jahren formierte sie sich neu und erreichte Mitgliederzahlen von über vier Millionen. In den 1960ern kam es als Reaktion auf die schwarze Bürgerrechtsbewegung erneut zu einer Wiederbelebung verschiedener Klan-Organisationen. Zu jener Zeit erweiterte sich das Spektrum um antikatholische, antisemitische, antikommunistische, homophobe und einwandererfeindliche Tendenzen, während die kriminellen Praktiken des Klans (Lynchmorde, Bombenanschläge usw.) dieselben blieben. Heute sind in den USA noch mehrere KKK-Gruppen aktiv, die unabhängig voneinander agieren. Daryl Davis kämpft persönlich und (sofern man ihn nicht tätlich angreift) gewaltlos gegen den Hass.

Da seine Eltern Diplomaten waren, reiste Davis in seiner Kindheit viel in der Welt umher und lebte erst ab dem Alter von 10 Jahren in den USA. Der kleine Daryl war ein begeisterter Pfadfinder und wurde Fahnenträger seiner Gruppe. Bei einer Parade bewarfen Kinder ihn mit Steinen. Er sagte dazu:

 „Als ich verletzt wurde, dachte ich nur, dass diese Leute keine Pfadfinder mochten. Naiv wie ich war, bemerkte ich nicht, dass ich das einzige Opfer war. Damals erklärten meine Eltern mir, was Rassismus ist. Als sie mir sagten, dass man mich wegen meiner Hautfarbe angegriffen hätte, fand ich das absurd.“

In den 1980er Jahren wurde Daryl Davis Musiker. Er begleitet die großen Stars der Soul- und Rock-Szene, von den Platters über Muddy Waters bis Jerry Lee Lewis. Bei einem Auftritt mit Chuck Berry in einer Country-Kneipe im tiefen amerikanischen Süden vertraute ihm der Wirt an, es sei das erste Mal, dass er einen Schwarzen Klavier spielen höre „wie Jerry Lee Lewis“. Davis versuchte vergeblich, ihm verständlich zu machen, dass Jerry Lew Lewis seinen Stil den schwarzen Boogie-Woogie-Spielern verdankte. Der Barbesitzer glaubte ihm nicht und wollte seinen Kumpels vom KKK unbedingt den Schwarzen zeigen, der „wie Jerry Lee Lewis spielte“.

Seit jenem Tag vor 25 Jahren setzt sich Daryl Davis unermüdlich dafür ein, dass die Klanmitglieder ihre Kapuze an den Nagel hängen. Sein Wahlspruch: „Was man nicht kennt, macht Angst.“ In seinem Buch „Klandestine Relationships“ erzählt Davis von seiner Mission.

Eines der von Davis bekehrten Klanmitglieder ist Scott Shepherd, der ehemalige „Grand Dragon“ von Tennessee, der dem Klan 1993 den Rücken kehrte und seitdem ebenfalls den Rassismus bekämpft.

Der Dokumentarfilm „Accidential Courtesy“

„Nur wenige werden die Größe haben, Geschichte zu schreiben, aber jeder von uns kann kleine Dinge verändern. Die Geschichte einer Generation wird durch die Summe dieser Taten geschrieben.“ Senator Robert F. Kennedy, Kapstadt, Südafrika, 1966

Beginnend mit diesem Zitat erzählt „Accidential Courtesy“ Daryl Davis‘ Geschichte und begleitet ihn auf eine ungewöhnliche Reise quer durch die Bundesstaaten Amerikas. Überall trifft er sich mit Menschen, zu denen er das Gespräch sucht. Zu einem großen Teil sind es KKK-Mitglieder, deren rassistisches Gedankengut durch den Prozess des Kennenlernens, der Gespräche und des Freundschaft-Schließens mit David, zu bröckeln begonnen haben, oder solche, die sich dem Rassismus bereits ganz gegengewandt haben und aus dem KKK ausgetreten sind. Symbolisch schenkten sie Davis ihre Roben, die er als historische Zeugnisse aufbewahrt. Inzwischen besitzt er schon 25. Aber er hat nicht nur 25 einzelne Menschen bekehrt, sondern Folge seines Engagements war auch, dass sich z.B. der gesamte Ku Klux Klan des Staates Maryland aufgelöst hat und bis heute dort nicht existent ist. Er spricht auch mit anderen Rechtsradikalen und Neo-Nazis, immer mit dem Ziel, dass sie auch ihm zuhören.

Im Film besucht er zugleich historische Orte, wie das National Civil Rights Museum in, Memphis (Tennessee), das sich sich an dem Ort befindet, an dem 1968 das Martin Luther King erschossen wurde. Die Ausstellung des Museums stellt die Geschichte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung dar: von der Ankunft der ersten Schwarzen in den britischen Kolonien 1619 bis zur Ermordung von Martin Luther King 1968. Oder das Washington Monument, von dem aus Martin Luther King seine berühmte Rede hielt. Davis zeigt den Ort auf den Treppenstufen des Monuments, wo Martin Luther King bei seiner berühmten Rede stand, der allerdings nur durch eine kleine Inschrift markiert ist, wodurch die Leute im wahrsten Sinne des Wortes darauf „herumtrampeln“. Er besucht das weiße Haus, das von Sklaven erbaut wurde und in dem nun (während dem Beginn der Dreharbeiten des Films) ein schwarzer Präsident wohnt.

Die Reise geht auch nach Ferguson, Missouri, wo 2014 der unbewaffnete 18-jährige afroamerikanische Schüler Michael Brown nach Tätlichkeiten gegenüber einem Polizisten von diesem erschossen wurde. Nach dessen Tod kam es dort zu Unruhen.  Daryl Davis äußert sich kritisch gegenüber jahrzehntelangem Missbrauch polizeilicher Gewalt:

„Es gab mehrere solcher Vorfälle im ganzen Land. Beim Klan fühle ich mich ehrlich gesagt sicherer. Wenn ich einem Klan-Mitglied mit Robe und Kapuze sehe, weiß ich genau, wofür er steht. Wenn ich einem uniformierten und bewaffnetem Polizisten gegenüberstehe, weiß ich nur, wofür er stehen sollte. Es gibt ganz bestimmt viele ehrliche und anständige Polizisten in diesem Land. Aber einige von ihnen sind üble Burschen. Das ist bezeichnend dafür, wie viel Arbeit noch vor uns liegt.“

Der Film zeigt teile der Rede von Barack Obama, bei einer Gedenkfeier für fünf Polizisten, die andererseits bei einer Demonstration getötet wurden. Nichtsdestotrotz geht Obama u.a. auf die Probleme der Rassendiskriminierung ein Der Film untermauert die Worte mit Einblenden von Statistiken, die die faktische Chancenungleichheit der afroamerikanischen Bevölkerung sichtbar machen. Schließlich trifft sich Davis mit Vertretern der Black-Lives-Matter-Bewegung, die innerhalb der afroamerikanischen Gemeinschaft in den USA entstanden ist und sich gegen Gewalt gegen Schwarze einsetzt. BLM organisiert regelmäßig Proteste gegen die Tötung Schwarzer durch Gesetzeshüter und zu breiteren Problemen wie Racial Profiling, Polizeigewalt und Rassenungleichheit. Er erntet er harrsche Kritik: dadurch dass er sich mit dem KKK anfreundet sei er ein Verräter, und könne zudem nichts effizientes bewirken. Ihm wird auch vorgeworfen, dass er nicht, wie die meisten Afroamerikaner, in den USA in benachteiligten Stadtteilen aufgewachsen sei, sondern als Diplomatenkind privilegiert im Ausland. Davis könne deren Anliegen deshalb gar nicht selbst nachvollziehen. Nachdem sie ihn nicht zu Wort kommen lassen, ihn als Rassisten beschimpfen und wütend-schreiend den Tisch verlassen, bleibt Davis sichtlich betrübt zurück. Auf die Frage ob er so etwas schon öfters erlebt habe erklärt Davis:

„Ich habe das nicht zum ersten Mal erlebt. Ich hatte schon ähnliche Konflikte, aber nicht sehr oft. Klan-Mitglieder hassen weiße, die ihre Herkunft verraten mehr als jeden Schwarzen. So wie dieser Bursche mich mehr verachtet als jeden Weißen. Weil er denkt, dass ich mein Volk verrate. Wie will er in diesem Land jemals etwas erreichen, so vielschichtig wie es ist?“

Die Dokumentation endet mit den Nachrichten über den Wahlsieg Donald Trumps zum Präsidenten am 8. November 2016. Davis äußert sich dazu nüchtern und überraschend zuversichtlich:

„Nicht alle die Trump gewählt haben, sind Rassisten. Aber alle Rassisten haben Trump gewählt. Der Klan predigt ja schon lange viele der Parolen auf denen die Kampagne des neuen Präsidenten basiert hat. Jetzt haben sie einen neuen Anführer, der ihre Meinung teilt und sie ermutigt. Ich glaube er tut uns damit einen Gefallen, da es all die hässlichen Dinge hervorbringt, die bislang unter dem Teppich lagen. Und erst wenn Probleme sichtbar sind, kann gegen sie vorgegangen werden. Ich bin sehr optimistisch, was die Zukunft betrifft. Amerikaner sind Überlebenskünstler, und zum Glück gibt es genug von uns, genug mit allen möglichen Religionen und Hautfarben, die wissen, dass wir alles überleben, wenn wir uns nur zusammentun. Donald Trump wird uns den Weg weisen, egal ob absichtlich oder nicht.“

Ein Plädoyer für die Menschlichkeit, das auf subtile Weise von der Symbolkraft der Musik eingerahmt ist. Die Musik, die ein Wechselspiel der verschiedenen Hautfarben ist, von Country über Blues und Jazz bis Rock’n Roll, und somit keine Hautfarbe hat.

Sehenswert!

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„Accidental Courtesy – Daryl Davis, Race and America“
Ein Dokumentarfilm von Matthew Ornstein
2016
100 Minuten

zu sehen auf Netflix – OmU

Festivals und Auszeichnungen:

South by Southwest Interactive Festival: Documentary Feature Competition Award, NY Times Critics’ Pick, Chagrin Falls Documentary festival: best of the fest, Napa Valley Film Festival: Jury Prize Winner, Calgary Underground Film Festival: Docs Audience Award Winner, Cleveland International Film Festival, Athens International Film + Video Festival: Special Award

 Trailer:

 

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