„Reconquista Internet: Sieht aus wie Satire, ist aber Aktivismus“ – die Medien über Jan Böhmermanns Troll-Armee gegen Rechts

Inzwischen berichten zahlreiche Medien, wie auch die Süddeutsche Zeitung,  über die Aktion „Roconquista Internet“ von Neo-Magazin-Royale-Moderator Jan Böhmermann. In der Sendung vom 26.04.2018 berichtete Jan Böhmermann über das gut vernetzte rechte Troll-Netzwerk namens „Reconquista Germanica“. Die Gruppe hatte sich kurz vor der letzten Bundestagswahl gegründet und bezeichnet sich selbst als „Bewegung“, die „ein deutschlandweites Netzwerk“ aufgebaut habe, um rechte Inhalte zu verbreiten und Wahlen zu beeinflussen. Aufgedeckt wurden die Strukturen in der SWR-Sendung „FUNK“ – „Lösch Dich: So organisiert ist der Hass im Netz“. Böhmermann äußerte sich in der Sendung flapsig mit einer Art „das kann ich auch“ und gründete eine Gegenbewegung in gleicher Form: ein Online-Forum gegen Rechts, und rief seine Zuschauer dazu auf, dem beizutreten, unter dem herrlichen satirischen Motto:

„Wir sind die Wichser, die den Wichsern, die uns den Spaß am Internet verderben, den Spaß am Internet verderben.“ 

Böhmermann eiferte zuvor in der Sendung in gewohnt selbstbewusster Manier:

„Wenn einer den Anspruch hat, einen Haufen lichtscheuer Dauer-Onanisten vor dem Bildschirm zu mobilisieren, dann bin das immer noch ich!“

Vielen Zuschauern ging es wohl ähnlich wie mir, und fragten sich im Laufe der Sendung und danach immer mehr: ist das jetzt Satire oder ist das echt? Doch es stellte sich heraus: es ist echt! Das Netzwerk war bereits programmiert und jede*r konnte sich anmelden. Was dann passierte überraschte Böhmermann offenbar selbst. Es meldeten sich so viele User an, dass das System vorübergehend zusammenbrach. In nur einer Woche haben sich bei der Chat-Anwendung Discord mehr als 50 000 Mitglieder der Gruppe „Reconquista Internet“ angeschlossen, mehr Mitglieder als die AfD hat.

„Wir haben letzte Woche aus Versehen die größte Bürgerrechtsbewegung der Bundesrepublik Deutschland gegründet.“

Reconquista_Internet
Bild: Screenshot vom Neo-Magazin-Royale #westdeutscherbumsfunk vom 03.05.2018

Spätestens ab diesem Zeitung ist klar, die Satire ist nur das Mittel für echten Aktivismus.

Die Süddeutsche Zeitung  titelt „Reconquista Internet: Sieht aus wie Satire, ist aber Aktivismus“ und schreibt:

„“Reconquista Internet“ ist kein Gedankenexperiment. Denn Böhmermann meint es diesmal ernst. Und das wirkt. In nur einer Woche haben sich bei der Chat-Anwendung Discord mehr als 50 000 Mitglieder der Gruppe „Reconquista Internet“ angeschlossen. Und die starten nun erste Aktionen. In Dresden hat die Bewegung in der Nacht zum Montag aufmunternde Parolen an die Fassade der Frauenkirche projiziert: „Durchhalten, freundliches Dresden! Ihr seid nicht alleine!“

In einer „Montagsdemonstration der Liebe“ rufen die Mitglieder dazu auf, eine Reihe von Orten und Organisationen in Dresden durch positive Bewertungen und Kommentare in sozialen Medien stärker in den Fokus zu rücken. Versehen werden sollen diese Beiträge mit Hashtags wie #DurchhaltenDresden oder #Dresdenistnichtalleine. Eine Strategie, der sich für gewöhnlich rechte Internetaktivisten bedienen, um dem medialen Diskurs beispielsweise über Migration einen negativen Spin zu geben. Und um so aus einer eigentlich überschaubaren und kleinen gesellschaftlichen Blase heraus Einfluss auf große Debatten zu nehmen – bis hinein in den Bundestag.“

Jan Böhmermann ist inzwischen auch per Videoschalte bei der Republica aufgetreten und hat die Besucher dazu aufgerufen, bei „Reconquista Internet“ mitzumachen – wie die rund 50.000 anderen Menschen, die sich inzwischen an der Aktion beteiligen.

„Macht mit, habt keine Angst, öffnet euch. Die Idee durchdenken und der Debatte auch Aktionen folgen lassen!“

Das Medien reagieren insgesamt beeindruckt und unterstützend.

So schreibt Hannah Schmidt etwa in der ZEIT:

„Das Gegenhalten ist anstrengend, die direkte Auseinandersetzung mit krudem Populismus eine Herausforderung. Wie kontinuierlich ist dieser „Aufstand der Anständigen“, entwickelt er sich weiter? Möglich. Ein Projekt wie Wikipedia startete ähnlich spontan und idealistisch, mittlerweile existiert die Plattform in 295 unterschiedlichen Sprachen. Sollte Reconquista Internet irgendwann möglicherweise Menschen auf der ganzen Welt vernetzen, wäre das eine wirkliche Revolution.“

Dennoch, Jan Böhmermann erntet mit der Aktion auch harrsche Kritik. Im Zentrum steht dabei eine Blockliste mit Twitter-Accounts aus dem „rechten Spektrum“ die mit dem Youtube-Video „Operation Ruhe im Karton“ veröffentlicht wurde. Die Liste kann als Datei heruntergeladen und dann auf den eigenen Twitter-Account hochgeladen werden. Die Profile in der Liste werden dann blockiert, somit kann man verhindern von diesen Profilen mit rechtem Troll-Müll attackiert zu werden. Dabei wird Böhmermann „undifferenziertes Zusammenwürfeln von Personen“ und „Denunziation“ vorgeworfen. Dementsprechend steht auch das öffentlich-rechtliche ZDF/ZDFneo in der Kritik, das sich insofern verteidigt hat, als dass die Liste nicht beim ZDF veröffenlicht wurde. Auf Twitter nimmt der Sender dazu Stellung:

„Das ZDF und ZDFneo haben zu keiner Zeit in den Sozialen Netzwerken Listen mit Twitteraccounts öffentlich gemacht und auch nie zur Denunziation aufgerufen.“

Die schärfste Kritik kommt indes von ZEIT-Redakteur Jochen Bittner auf ZEIT ONLINE. Er wirft ihm sogar „Totalitarismus“ und „Diskurserstickung“ vor.

„Seine erschreckend erfolgreiche Log-in-Aktion, die schnell mehr als 50.000 Mitglieder gewann, führt gerade der jüngeren Generation, die weder die vorletzte noch die letzte deutsche Diktatur erlebt haben, vor Augen, wie einfach und schnell totalitäre Trends cool werden können: Definiere böses Denken weit und gutes Denken eng und behaupte, es gebe viel, viel mehr Feinde einer besseren Menschheit, als man so glaube. Fertig ist die Diskurserstickung.“

Echt jetzt??!!

Die TAZ sieht das ganz anders:

„Zeit-Autor Jochen Bittner vergleicht die Böhmermann-Aktion mit dem Orwell-Roman 1984, mit dem Vorgehen von Erdoğan-Freunden und US-Präsident Donald Trump, spricht von einem totalitären Trend und von totalitärem Denken und vom Abwürgen des Diskurses. Es ist eine steile These, die schlicht falsch ist, denn der Autor hat weder den Totalitarismus noch die Meinungsfreiheit verstanden – und auch nicht, dass es rechten Medien und InfluencerInnen nicht um einen Diskurs geht.

Oder um es anders zu sagen: Es ist das gute Recht der AfD, Blocklisten anzulegen. Es ist lächerlich und inkonsequent von einer Partei, die sonst von „Freiheit“ und „Mut zur Wahrheit“ spricht – aber wenn sie sich von mir genervt fühlt, kann sie mich gerne ignorieren. Dass die AfD Blocklisten anlegt, ist nicht der Grund, warum die AfD totalitär ist.

Dass Böhmermann es Menschen einfach ermöglicht, rechten Müll auf Twitter nicht sehen zu müssen, ist ebenfalls nicht totalitär – eher im Gegenteil: Es ist Abwehr gegen eine seit Monaten und Jahren andauernden rechten Propagandakampagne.“


Es bleibt wohl spannend. Wir werden das Projekt weiter für euch verfolgen und entsprechend berichten!

Euer attitudeblog


Links zum Thema:

„Reconquista Internet: Sieht aus wie Satire, ist aber Aktivismus“ – SZ

„Jan Böhmermann ruft dazu auf, sich an „Reconquista Internet“ zu beteiligen – jetzt.de

„Reconquista Internet“: Angriff der Liebes-Trolle – ZEIT

„Kolumne Right Trash: Ein Diskurs zum Würgen“ – TAZ

Der Hintergrund:

Die „FUNK“ Sendung von „Lösch Dich! So organisiert ist der Hate im Netz“ von Rayk Anders auf Youtube:

 

Titelbild: Twitter-Account des Neo Magazin Royale, Screenshot

 

 

 

 

 

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